30 Jahre Mountaim Wilderness International

 

Am 11. November 2017 trafen sich die Gründungsmitglieder von Mountain Wilderness International im italienischen Biella.

Auf Einladung der Sella-Stiftung und des Italienischen Alpenvereins (CAI) reisten der Alpine Academic Club (CAAI), Vertreter von Mountain Wilderness aus verschiedenen Ländern, sowie Menschen, die sich für den Schutz der Berge interessieren, nach Biella (Italien), um Bilanz zu ziehen, wie sich der Zustand der Berge während der 30 Jahre andauernden aktiven Arbeit des Vereins verändert hat. Es war die Gelegenheit, einen dynamischen Impuls in Richtung Zukunft zum Erhalt einer nachhaltigen und natürlichen Umwelt im Einklang mit dem Menschen zu setzen. In dieser Stadt wurde 1987 Mountain Wilderness ins Leben gerufen und der Gründungstext der Bewegung geschrieben, die „Thesen von Biella“, die bis heute ihre Philosophie untermauert.

Die Konferenz fand in den Räumlichkeiten der Sella-Stiftung statt. In einer mitreißenden Atmosphäre, aktiv unterstützt von einem wichtigen Publikum, haben wir gesehen, dass nach drei Jahrzehnten der Aktivitäten das von Mountain Wilderness verteidigte Idealbild immer noch lebendig und in der Lage ist, Debatten und leidenschaftliche Diskussionen zwischen Bergsteigern, Wissenschaftlern und anderen Experten der Berge über Themen auszulösen, die nach wie vor sensibel und aktuell sind.

Unter den Rednern war Kurt Diemberger, Ehrenpräsident und Gründungsmitglied von Mountain Wilderness International.

Er ist einer von nur zwei Männern, die zwei Achttausender (nämlich Broad Peak 1957 und Dhaulagiri 1960) erstbestiegen haben – ein Mann, der Mountain Wilderness mit seiner Philosophie der „Barriere der Mühsal “1 und seiner großen Sensibilität auch gegenüber den kleinen Dingen der Natur so perfekt symbolisiert.

Die wichtigsten Punkte der Diskussionen waren:
• Ökonomische Auswirkungen und Massentourismus:

Manche Menschen wollen, dass Berge zu einer treibenden Kraft für die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den Berggebieten werden (was im Widerspruch zu den Biella-Thesen steht). Ziel ist, so viele Menschen wie möglich zu ermutigen, sich an verschiedensten Bergaktivitäten zu beteiligen, indem sie deren Zugang erleichtern, dadurch aber gleichzeitig schädliche Antrophisierungsprozesse2 auslösen. Diese konsumorientierte Politik ignoriert die Besonderheiten der Wildnis einschließlich ihrer Einsamkeit, die aber für einen respektvollen Bergsport unerlässlich sind.
• Die Rolle der Berghütten:

Die Gestaltung und die Kapazitäten der Schutzhütten sollten nicht zu einer übermäßigen Nachfrage der Besucher führen, indem die Berggebiete zugänglicher gemacht werden.

Die Größe von neuen Hütten sollte in einem umweltverträglichen Rahmen gehalten werden, die nur eine bestimmte Anzahl an Besuchern erlaubt, was wiederum geringere Auswirkungen auf die Natur in der Umgebung hat.

 

• Die spektakuläre Seite des Bergsteigens und die übermäßige menschliche

Einflussnahme auf die Berggebiete:

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass dies enorme Probleme sind, die besonders das Hochgebirge heimsuchen. Auch wenn man anerkennt, dass in diesen Jahrzehnten der Aktivitäten große Fortschritte gemacht wurden (es wurde eine signifikante Verlangsamung der negativen Auswirkungen auf die Natur durch Touristen/Bergsteiger sowie ein bemerkenswerter Anstieg der Sensibilisierung von Berggehern erkannt), ist dies immer noch nicht genug.

• Der Klimawandel, der sich schnell auf die Ökosysteme im Hochgebirge auswirkt, und das sich verändernde Profil von Touristen erfordern eine neue Art, über die Zukunft nachzudenken. Die Umsetzung von werteorientierten Wirtschaftsprozessen ist dringend erforderlich, um den natürlichen Zustand der Gebirge sowohl kurz- als auch langfristig zu schützen.

• Es besteht die Notwendigkeit, öffentliche Mittel besser zu verwalten, die oft mit wenig Umsicht und ohne regelmäßige Kontrollen verteilt werden. Ebenfalls muss das kulturelle Bewusstsein geschärft werden, um die Berge und ihr natürliches Erbe zu bewahren.
• Der Einsatz neuer Technologien, die es den im Freien aktiven Menschen ermöglichen, sicherer unterwegs zu sein, führt dazu, dass sie gedankenlos Risiken eingehen und blind für ihre Umwelt werden. Technologie kann und darf Unzulänglichkeiten oder schlechte Vorbereitungen nicht ausgleichen; sie muss ein Werkzeug bleiben, das mit Sorgfalt benutzt wird.
• Die Begriffe von Verantwortung und Freiheit:

Der Berg ist für denjenigen, der ihn schützt, der von der gebotenen Freiheit ohne Übermaß zu profitieren weiß und die Fragilität einer Umgebung respektiert, die oft zu intensiv genutzt wird. In diesem schwierigen Kontext müssen Wettkämpfe und sportliche Aktivitäten in einer Art und Weise organisiert werden, die die Umwelt und ihre verschiedenen Bewohner berücksichtigt: hauptsächlich wilde Tiere, die ständigen Schutz benötigen. Die von Alessandro Gogna angeführte Debatte, bei der ein breites Spektrum von Praktikern zusammenkam, zeigte, wie unterschiedlich die Interessen sind. Alessandro kam zu dem Schluss, dass Freiheit in den Bergen das Merkmal eines autonomen und bewussten Praktizierens von Wilderness ist, während der Wettbewerb eine Unterwerfung unter die die Natur verwaltenden Regeln darstellt

Ein interessanter Moment der Konferenz war das Treffen mit den Schriftstellern Paolo Cognetti, ausgezeichnet von der Strega (dem italienischen Goncourt) und dem Foreign 2017 Medicis Prize für sein Buch „The Eight Mountains“, und Matteo Righetto (2016 Cortina Prize und 2017 Festival Ghiande in Turin, Autor von „Die Haut des Bären“, „Öffne die Augen“ und „Die Seele der Grenze“), die sich mit den Themen Grenzen, Abgrenzungen und Wildnis beschäftigen.
Am Ende der Konferenz kehrte Carlo Alberto Pinelli, Filmregisseur, Schriftsteller, Bergsteiger und Ökologe und einer der Gründungsväter von Mountain Wilderness, zum Thema „Freiheit und Verantwortung“ zurück: „Berge sind das Reich der Authentizität, der Freiheit und der Entscheidungen. Sie können all das bieten und erlauben uns, unser Leben aus einer realen Perspektive zu betrachten. Wir müssen lernen, Berge so zu leben, wie sie sind: das heißt, natürlich als Territorium, aber auch als Gebiet für Begegnungen, menschliche Beziehungen, Blumen und Tiere.“
Er warnte auch: „Ohne eine wilde Umwelt gibt es keine Freiheit; Wildnis ist nicht nur ein Spielplatz mit präzise definierten Regeln, sondern ein echter Abenteuerraum, der letzte, den wir noch haben, und der mit aller Kraft verteidigt werden muss.“
Die nationalen Landesverbände von Mountain Wilderness nutzten diese Jubiläumsfeier auch für ein Arbeitstreffen. Sie wiesen auf ein wichtiges Thema hin: die Notwendigkeit einer verstärkten Koordinierung zwischen den nationalen Verbänden, um mögliche Synergien in diesem zunehmend schwierigen Natur- und Gebirgskontext zu verbessern.

Oder wie es der Katalane Jordi Quera, Präsident von MW International, formulierte: „Um in diesen unruhigen Zeiten die Bedingungen für die Entstehung eines „homo- wildericus“ zu schaffen!“

Zum Abschluss diesen vollen Tages wurden wir von der CAI, der Sella-Stiftung und der Stadt Biella in die Kathedrale von Biella eingeladen zur „Laudato si“-Show, die Mountain Wilderness gewidmet wurde und vom Chor Sant’Ilario di Rovereto (einem der renommiertesten Bergchöre Italiens – das Eröffnungskonzert der Weltaus-stellung von Mailand wurde von ihm gesungen!) vorgetragen wurde. Die Lieder waren von der Enzyklika von Papst Franziskus über die Umwelt inspiriert.
Auf einem riesigen Bildschirm im Querschiffhintergrund wurde eine Bergbilder-Diaschau aus dem reichhaltigen Archiv „Hundert Jahre Bergfotografie“ der Sella-Stiftung gezeigt.

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